Freie Schulwahl

Oktober 2015

 

 

Forderung auf Rechtsanspruch statt Kürzungen

 

Am 17. November 2015 will die österreichische Bundesregierung ein Bildungsreformpaket beschließen. Das Kernziel ist die vermehrte Schulautonomie. Das ist auch für die Schulen in freier Trägerschaft interessant, die in Österreich, trotz erfolgreich gelebter Autonomie, diskriminierende Bedingungen vorfinden: während Module, die sich seit mehr als 100 Jahren u.a. an Montessori-und Waldorfschulen bewährten, nach und nach von staatlichen Schulen übernommen werden, bleiben die SchülerInnen finanziell stark benachteiligt. Seit 2010 wurden die Subventionen um 25% gekürzt, davon 7% in diesem Jahr. Und das, obwohl der österreichische Staat mit der Schulpflicht eine generelle Verantwortung für alle SchülerInnen hat.

 

Doppelt zur Kasse gebeten

 

Das bringt die SchülerInnen der Schulen in Freier Trägerschaft in eine prekäre Lage: sie sind von Eltern umgeben, die doppelt zahlen, da sie neben dem Schulgeld (€500 Mio. in den vergangenen 40 Jahren) auch das staatliche Schulsystem mit ihren Steuern mitfinanzieren und von LehrerInnen, die wenig verdienen, obwohl sie, oftmals ohne dem Druckmittel der Noten, pädagogisch außergewöhnlich begabt und versiert sein müssen.

 

In Waldorf-oder Montessori-Schulen aber auch in anderen Schulen in freier Trägerschaft weiss man längst um die Zusammenhänge zwischen sensomotorischen Fähigkeiten und der Gehirnentwicklung und pflegt diese u.a. mit vielen Bewegungselementen im Unterricht. Dass die Kinder und Jugendlichen besser lernen, wenn sie nicht nur kognitiv und unter permanentem Notendruck gefordert, die 50-Minuten-Einheiten aufgebrochen werden, klassen-und fächerübergreifend gearbeitet und die Klassengemeinschaft ohne Sitzenbleiben über 12 Jahre gewährleistet wird, beweisen die überdurchschnittlich guten Matura-Abschlüsse. Hervorzuheben wäre noch, dass die Gesamtschule aller 10-14-Jährigen seit über 100 Jahren selbstverständlich ist.

 

Best Practise: Dänemark

 

Warum werden Schulen in Freier Trägerschaft dann immer noch diskriminiert? Edgar Hernegger, Initiator von „Freie Schulwahl 2.0 “ bringt das Phänomen auf den Punkt: „Nach jeder Studie, die die Erfolge unserer Lehrkonzepte wissenschaftlich untermauert, werden uns staatliche Gelder gestrichen. Mittlerweile fürchte ich mich vor jedem Lob.“

Hat die Regierung Angst davor, dass bei einer gelebten Gleichstellung aller SchülerInnen die Staatsschulen entvölkert werden? Dass die Sorge unbegründet ist, zeigt ein Blick nach Dänemark, wo die finanzielle Gleichstellung von staatlichen und alternativen Schulmodellen gelebt wird: der Anteil privat geführter Schulen liegt konstant bei ca.15%.

 

Politische Lippenbekenntnisse

 

Wirklich spannend wird es, wenn man sich die Statements unterschiedlicher Parteien durchliest. Bundeskanzler Werner Faymann versprach im September 2008: „Die SPÖ tritt dafür ein, dass die nichtkonfessionellen Schulen mit den konfessionellen Privatschulen gleichgestellt werden.“

 

Zur Information: bei konfessionellen Privatschulen werden die Lehrergehälter (80% der Schulkosten) vom Staat übernommen.

 

Der grüne Nationalratsabgeordnete Harald Walser meinte im Juni 2010: „Bezüglich der finanziellen Absicherung der Schulen in freier Trägerschaft streben wir eine Gleichstellung mit den konfessionellen Privatschulen an. Die Kosten für LehrerInnen sollen vom Bund übernommen werden, damit alternative Schulen in ihrem Betrieb abgesichert, die Elternbeiträge deutlich gesenkt werden und alternative Schulformen auch Kindern aus finanziell schwachen Familien offenstehen.“

 

Aus dem ÖVP-Programm Perspektiven 2010: „Wir bekennen uns auch zu den Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht. Diese sollen insbesondere bei der personellen Ressourcenzuteilung den öffentlichen Schulen gleichgestellt sein...“

 

Die Neos sind der Meinung: „In Schulen in Freier Trägerschaf ist vieles bereits Realität, das wir uns auch für die öffentlichen Schulen wünschen. Sie sind ein besonders wertvoller Bestandteil der Bildungslandschaft und ein Motor für Innovationen. Wir wollen Kindern unabhängig vom Einkommen der Eltern Zugang zu innovativen Schul‐ und Lernformen ermöglichen.“

 

Auch die FPÖ zeigte sich im Mai 2009 einsichtig: „Die gesetzliche Gleichstellung zwischen privaten Pflichtschulen in freier Trägerschaft und solchen in konfessioneller Trägerschaft soll in allen Bereichen erwirkt werden.“ meinte Armin Sippel.

 

Bei so viel gutem und überparteilichem Willen ist es erstaunlich, dass die Subventionen pro SchülerIn im Jahr 2015 in einer staatlichen Unterstufe pro Kind € 9.511 betragen (OECD, Bildung auf einen Blick), für ein Kind in einer nichtkonfessionellen Privatschule hingegen € 750 (Statistik Bund der Waldorfschulen), das sind ca. 8%.

 

Keine Eliteschulen

 

Die freie Schulwahl ist in der Österreichischen Verfassung verankert. In der Realität sind sozial schwache Eltern jedoch kaum imstande, ihre Kinder in die Schule ihrer Wahl zu geben, obwohl z.B. die Waldorfschulen bemüht sind, die Elternbeiträge sozial zu staffeln. Alleinerziehenden bleibt der Zutritt meist versagt. Das ist definitiv nicht im Sinne des Begründers der Waldorfschulen Dr.Rudolf Steiners, der die Schulen für Arbeiterkinder ins Leben rief und auch nicht im Sinne der Medizinerin Maria Montessori, die ihr erstes „Kinderhaus“ im Armenviertel Roms eröffnete. Beiden war u.a. wichtig, gerade die Unterprivilegierten durch einen ganzheitlichen pädagogischen Ansatz fürs Leben zu stärken.

Die österreichische Ungleichbehandlung vermittelt hingegen den Eindruck, dass unkonfessionelle Privatschulen Eliteschulen sind. Dies wird durch die Entwicklung in den USA befeuert, wo sich die Anzahl der Waldorfschulen seit der Jahrtausendwende auf 160 verdoppelt hat und vornehmlich Eltern aus der Oberschicht und der bildungsnahen Mittelschicht anzieht, sowie ManagerInnen und Angestellte marktführender Konzerne wie Google, Microsoft und Apple, die von dem Konzept begeistert sind, das der Entwicklung der Fantasie und dem Pflegen der Handwerke Schwerpunkte einräumt. Die AmerikanerInnen begrüßen das Gegenmodell zum Bildungssystem, in dem Kinder wie Lernmaschinen behandelt werden und in dem das Faktenwissen ohne Lebenserfahrung in den Vordergrund gestellt wird. (Frankfurter Allgemeine, „Strickzeug statt Smartphone“ 19. Oktober 2015).

Schulen in freierTrägerschaft wollen niemanden ausschließen. In Ländern, in denen sie vom Staat ausreichend subventioniert werden, stellt sich die soziale Frage auch nicht. Und so soll es sein.

 

Bekenntnis zur Schulvielfalt

 

Dass Bildung für jeden Menschen und für die volkswirtschaftliche Gesundheit eines Landes von eminenter Bedeutung ist, wissen wir. Doch welches ist das beste Bildungssystem? Hier liefert Prof. Dr. Ludger Wößmann* eine spannende Antwort: „Die bildungsökonomische Forschung anhand internationaler Schülervergleichs-Tests belegt, dass ein ganz zentraler Ansatzpunkt für die Verbesserung der Bildungsleistungen darin besteht, Wettbewerb zwischen den Schulen durch Wahlfreiheit und freie Trägerschaft zuzulassen. Konkurrieren verschiedene Schulen um die Gunst der Eltern, dann haben diese die Möglichkeit, die aus ihrer Sicht beste Alternative für ihre Kinder zu wählen, und schlechte Schulen verlieren ihre Schüler. Das schafft Anreize, die Sache möglichst gut zu machen.“

Beim Beweis dieser These verweist er auf die PISA-Studie (Mathematik 2003): „Steigt der Anteil der Schulen, die in privater Trägerschaft organisiert sind, etwa von 1% (z.B. Norwegen) auf 61% (z.B. Irland), so erhöhen sich die durchschnittlichen Schülerleistungen im gesamten Schulsystem um 36,9 PISA-Punkte. Steigt der Finanzierungsanteil der Schulen, der aus öffentlichen Quellen stammt, von 55% (z.B. Türkei) auf 100% (z.B. Schweden), so fallen die Schülerleistungen um 33,9 PISA-Punkte höher aus. Wie groß diese Leistungsunterschiede sind, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Leistungsunterschied zwischen Neunt- und Zehntklässlern in Mathematik bei 22,1 PISA-Punkten liegt.“

Und was sagen die ÖsterreicherInnen dazu? In einer Telefonumfrage im März 2011 sprachen sich 73,6% der Befragten für eine weitgehende Gleichbehandlung der Schulen in freier Trägerschaft aus, 16,4% waren unentschieden und lediglich 9,4% dagegen (Pressetext Freie Schulwahl 2.0).

 

Wenn sich sowohl die Bevölkerung als auch die Politik einig ist, was selten genug der Fall ist: worauf warten wir dann noch? Das Argument, dass derzeit kein Geld vorhanden ist und gespart werden muss, kann nicht geltend gemacht werden, da wir alle wissen, dass Kinder unsere Zukunft sind und die Bildung von fundamentaler Bedeutung für alle Generationen ist.

 

Zukunftsfit?

 

Hier findet Edgar Hernegger wieder klare Worte: „Wo sollen Kinder Demokratie lernen und erfahren, wenn nicht in der Schule? Die autonomen Schulen bieten große Freiräume und Chancen – für die Erarbeitung von Modellen der Interessenabwägung ebenso wie für Mitbestimmung und Mitverantwortung im Schulleben. Demokratische Willensbildung kann in der Praxis erlebt und erlernt werden. SchülerInnen entwickeln in der Mitbestimmung ihre Fähigkeiten besser und sind durch Verantwortungsübernahme motivierter. Kompetenzen wie Kreativität, emotionale Intelligenz, Flexibilität, Teamfähigkeit werden gefördert – Eigenschaften, die in unserer postindustriellen Welt wichtiger denn je sind. Freie Schulen entlassen nicht unbedingt bequeme AbgängerInnen, diese sind durchaus meist kritische, gefestigte Persönlichkeiten, die gesellschaftliche Prozesse aktiv und konstruktiv mitgestalten wollen.“

 

Und die Gesetzgebung?

 

Artikel 14 Abs. 3 der europäischen Menschenrechtscharta garantiert das Recht der Eltern, den Unterricht ihrer Kinder entsprechend ihren eigenen religiösen, weltanschaulichen und erzieherischen Überzeugungen sicherzustellen.

Die Umsetzung dieses Menschenrechtes wird in Österreich im Privatschulgesetz von 1962, § 21, geregelt. Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht kann der Staat subventionieren, wenn dafür Budgetmittel frei sind und Bedarf besteht. Man gibt sich also situationselastisch.


Kernforderungen der Initiative FREIE SCHULWAHL 2.0:

 

Bei der Pressekonferenz am 16. Oktober 2015 wurden dem Parlamentsdirektor stellvertretend für die Nationalratspräsidentin Doris Bures eine Forderung mit 12.409 Unterschriften überreicht, die innerhalb von 14 Tagen gesammelt worden waren, während am Minoritenplatz demonstriert wurde. Gefordert wird u.a. Folgendes:

 

1) Schulen in freier Trägerschaft mit Öffentlichkeitsrecht sollen einen Rechtsanspruch auf Abdeckung ihrer Kosten in der Höhe der durchschnittlichen Kosten anderer Schulen haben.

 

2) Schulen in freier Trägerschaft sollen volle Autonomie für die Umsetzung ihrer jeweiligen pädagogischen Inhalte im Rahmen ihrer genehmigten Lehrpläne und Statuten genießen können.

 

3) Grundsätzlich müssen sie ähnlich den konfessionellen Privatschulen und Staatsschulen gefördert werden – wie es jetzt schon bei staatlichen und privaten Bildungseinrichtungen im primären und tertiären Bildungssektor erfolgreich funktioniert:

 

- unter staatlich festgelegten Rahmenbedingungen (Lehrplan, Zertifizierung, Evaluierung etc.)

- wenn sie nicht gewinnorientiert ausgelegt sind.

- mit echter pädagogischer, personeller und organisatorischer Autonomie.

- wenn notwendig, mit einem sozial verträglichen Kostenselbstbehalt, der keinen Eltern die freie Schulwahl verwehrt, ähnlich dem Gesundheitswesen, wo bei Privatärzten 80% der Kassentarife vergütet werden.

 

EU-Schlusslicht

 

Verglichen mit nord- oder osteuropäischen Staaten bildet Österreich bei der Subventionierung nichtstaatlicher Schulen mit Öffentlichkeitsrecht gemeinsam mit dem Süden das Schlusslicht. Obwohl diese bei der von der Regierung in diesem Herbst angestrebten Schulautonomie eine Vorreiterrolle spielen. Die Verantwortlichen sind dazu aufgerufen, das am 17. November zu ändern.

 


* Prof. Dr. Ludger Wößmann: Professor für Bildungsökonomik, ifo Institut und Ludwig-Maximilians-Universität München. 

 

 

 

Sexy Rassismus

Oktober 2015


Mittlerweile erfasst mich Ekel, wenn ich das Titelblatt des großformatigen Gratisblattes sehe. Gestern der HC und die Ursula Stenzel groß, farbig und mittig, links dahinter und klein Maria Vassilakou und Michael Häupl in Schwarzweiss. Sie wie eine Hexe inszeniert, er wie ein blasierter Krösus. Gibt‘s da einen Geldfluss zwischen dem Gratisblatt und der FPÖ? Im Blattinneren dann die plötzlich aufgetauchte Geheimakte mit den angeblichen Zahlen, die uns die „Asylanten“ in den nächsten Jahren kosten werden.

Heute geht der Herausgeber noch einen Schritt weiter, kombiniert den FPÖ-Rassismus mit, trallallalla, Sexismus und plaziert Straches ordentlich rasierte Opernballbegleitung am Titelblatt. Nicht nur, dass mich das an den nächsten AkademikerInnenball erinnert, nein, es nimmt das Frauenbild vorweg, auf das wir uns freuen dürfen, wenn der Wahlsonntag ein Desaster wird.

 

Um mich klar auszudrücken: ich bin weder frigide noch lustfeindlich. Im Gegenteil. Aber ich werde zornig, wenn sich Sex und Macht mischen. Das wird dann nämlich ganz schnell gruselig und ich denke mit Grauen an die Frauenarmut, an die Vorstufen der Prostitution im privaten und im öffentlichen Leben und an die Frauenquoten in den Chefetagen. Dass die „Strache-Muse“ gerade Hollywood versext landet hoffentlich genauso vor dem PR-Ethikrat wie das vergleichsweise harmlose Plakat des jüngsten Nationalratsabgeordneten.

 

Es ist ja sehr beliebt Männer in den Medien als seriös und kompetent darzustellen, was in Anzügen oder Uniformen hervorragend klappt. Frauen hingegen ziehen sich offensichtlich gerne aus. Obwohl die Prostitutions-PR heute im Gratisblatt fehlte, zählte ich 201 Männer in statusbetonender Kleidung und 50Frauen (ca. 25%). Bei den Nackten und Halbnackten gab es 14Frauen und 2 Männer (1/7). Das ist zwar gar nichts für die Zeitung, in der ich auch schon mal 36 halbnackte Damen in einer Ausgabe zählte, aber immerhin.

 

Neben dem Bild der spärlich Bekleideten auf dem Titelblatt dann der neue Asyl-Geheimplan: die EU will 400.000 Flüchtlinge abschieben was uns 800 Millionen € kosten wird. Laut Geheimbericht haben 506.000 Flüchtlinge illegal Europa erreicht. Zwei Geheimpläne in einer Woche! Ich freu mich schon auf morgen.

Ich zitiere: „Im Kampf gegen die Flüchtlingsströme setzt die EU auf Kriegsschiffe und Abschiebungen.“ Die Bilder der Flüchtlinge im Meer suggerieren Verzweiflung. Also was jetzt: Mitleid mit dem geretteten Baby oder berechtigter Einsatz von Kriegs-Rethorik und -Schiffen? Man muss sich nicht entscheiden. Bleiben wird die Destabilisierung in unseren Köpfen durch die Verrohung des Mediums. Da freut es uns sehr, dass das sexy Bikini-Shooting am Meer so gut geklappt hat und Frau Lechner jetzt voll durchstartet.

 

Der große Erfolg des Max Schrems gegen Facebook ist übrigens auf Seite 31 rechts oben im kleinen Kasterl zu finden und ich erinnere mich an das Plakat, das mal am Sozialamt hing: drauf waren knackige Frauenpopos in knappen Höschen, die mit diversen Flaggen bedruckt waren. Darunter stand: „Against Racism.“

 

Auch wenn Sexismus und Rassismus in den Medien kein vorübergehendes Phänomen sein werden, da sie mittlerweile auch Teil der Wahlwerbung sind: Ich freu mich schon auf den Montag nach der Wahl, wenn der Möchtegern-Bürgermeister-Kanzler, sobald es ums inhaltliche Tagesgeschäft geht, wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

 

 

 

Die Gewissheit der Schuld

Oktober 2015

 


Eines vorweg: die Unschuldsvermutung gilt für FPÖ-WählerInnen schon lange nicht mehr. Schon gar nicht in Braunau, wo die Blauen gestern 37,2 (+18,9) % der Stimmen einfuhren. Hat das mit dem AsylantInnenheim in Hitlers Geburtshaus eigentlich geklappt?

Nein, niemand wird nachher sagen können, dass das ja alles nicht so gemeint gewesen war, man hätte doch nur aus Angst um die eigene...

 

Zur vielzitierten Angst: ich orte keine Angst bei BlauwählerInnen sondern eine Angststörung. „Angst ist“, laut Wikipedia, „ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Die Angsstörung hingegen ist ein Sammelbegriff für psychische Störungen, bei denen entweder eine übertrieben unspezifische Angst (...) vor einem Objekt bzw. einer Situation besteht (...).“

Dass Kriegsflüchtlinge Angst vor dem Tod haben, glaub ich ihnen. Dass die gleichen Flüchtlinge, die unsere Pensionen sichern könnten, Europa aus seinen Grundfesten heben können, ist schlicht Humbug. Arbeitsplatz hin oder her, die nehmen uns nicht die Schutzsuchenden weg, mehr dazu bei Marx and Friends.

 

Nein, Informationen sind allgemein zugänglich. Das Einschalten eines Fernsehers, Computers oder Radios und das Aufschlagen einer Zeitung traue ich sogar FPÖ-WählerInnen zu. Und da kann man dann alles über die epochalen Errungenschaften von Blau oder Schwarz-Blau erfahren. Und...

In einer gereiften Demokratie gibt es eine Informations-Holschuld der mündigen BürgerInnen und die leichtfüßige Pflicht, den Staat mitzugestalten, statt nur alle paar Jahre seine trotzige Schimpf-Stimme abzugeben, als gäbe es kein morgen.

Und es gibt eine Verantwortung der Medien, egal wie gratis sie sind. Wohin Gleichschaltung und Niveausenkung führt zeigt uns Ungarn dieser Tage. Das Radio muss in der Argentinierstrasse bleiben.

 

Am Nachbartisch unterhält sich ein schwarzgekleideter, junger Kellner mit der föhnfrisurgekrönten Pensionistin. Er ist Syrer, ging vor Jahren aus Aleppo in den Libanon und später nach Wien. Er spricht perfektes Wienerisch, auch das mit dem Charme kann er: „Jeder zweite Syrer hatte eine Eigentumswohnung gehabt. Jetzt herrscht dort eine Bombenstimmung.“ Ich ertappe mich dabei, das Wahlverhalten aller Menschen hier im Gersthofer Beisl zu hinterfragen. Das ist neu. Mir ist seit gestern ein wenig kalt.

Der Kellner ist aramänischer Christ, lacht laut und viel. Vor mir die Zeitungen, die mich an das gestrige Beben erinnern. Ich mag das Wort Beben nicht, schon gar nicht im blauen Kontext, nicht einmal das Unterrichten hat mir heute Spaß gemacht. Ich möchte reden mit der erstarkenden Wählerschaft im 12-reichsten Land der Welt, das sind ja auch Menschen, die können doch nicht so kurzsichtig sein, das gibt es doch gar nicht. Natürlich öffnet sich auch bei uns die Schere zwischen Arm und Reicht, aber dass die Sehnsucht sich nicht auf einen stärkeren Sozialstaat richtet, der eine wirkliche Umverteilung gewährleistet und der uns bis jetzt, trotz allem, den Arsch gerettet hat, sondern auf österreichs korrupteste Partei, erinnert mich schmerzlich an die Ösi-Tradition, dass es im Protestfall schnell mal gen Rechts geht. Heute beneide ich die GriechInnen. Das gibt mir dann doch zu denken.

Nein, die FPÖ ist mir nicht egal, dazu kenne ich zu viele PolitikerInnen, kluge und dumme, und bei dem Gedanken, dass die mit Abstand ungebildetsten und dumpfsten VertreterInnen ihrer Zunft gerade dabei sind, mir meine Stadt zu nehmen, erfüllt mich mit Fremde. Dabei geht das gar nicht: mit Fremde erfüllt zu sein, das ist ein Widerspruch in sich, mit dem ich vielleicht lernen muss, zu leben.

 

Selbst in Zeiten manifester Armut wäre ich niemals auf die Idee gekommen, mich in meiner politischen Orientierung derart zu vergreifen. Nicht nach unserer Geschichte, nicht nach Blau und Schwarz-Blau, nicht nach all den unzähligen Sagern, die immer schon ungeniert auf die Parteiwurzeln verwiesen und in Deutschland so nie möglich wären, weil dort das mit der Vergangenheitsbewältigung halbwegs geklappt hat und nicht nach dem Beginn der „Flüchtlingskrise“, die nur eine Fortsetzung der Systemkrise ist.

Eine Studie der London School of Economics fand 2010 heraus, dass rechtswählende Menschen nicht nur einen geringeren IQ haben sondern auch noch schlechten Sex. Ist das MEIN Problem? Make love not war! Geht vögeln!

 

Ich möchte gerne konkret wissen, was uns die Kriegsflüchtigen wegnehmen. Ich möchte auch wissen, warum ein Mensch eine Autopartei wählt, nachdem der Klimawandel im letzten Sommer erstmals auch bei uns massiv spürbar war. Und ich möchte wissen, warum Frauen auf die absurde Idee kommen, eine Männerpartei zu wählen. Unter uns: es gibt das Wahlgeheimnis. Frauen dürfen anders und sogar in ihrem eigenen Interesse wählen als ihre tumben Männer, die auf so hohem Niveau jammern, dass einem graut. Bei aller Demut.

Es gibt zwei Dinge im Leben, die ich nicht toleriere: Gewalt und Dummheit. Ich will unser Wien nicht verlieren.

 

 

 

Nachtessenz

September 2015

 


Es gibt Nächte, in denen man statt Schlaf die Essenz der Tage findet, die uns ungefragt heimsuchten. Zum Beispiel gestern.

 

Plötzlich steht der junge Mann vor mir, muskulös, kurzes Haar. Eben noch hatte er mit seinesgleichen gegrölt und die Veranstalter in leichte Unruhe versetzt. „FPÖ-Wähler“ war mein erster Gedanke und dann wollte ich es wissen. Schließlich gehört es in den letzten Wochen zum Programm, mit jungen, wütenden Männern zu sprechen und ihnen klar zu machen, dass der sogenannte starke Mann definitiv nicht die Lösung ist.

Wir kommen ins Gespräch. Er hatte einen gut bezahlten Job als Tischler in der Sargerzeugung. Die Firma schrieb immer Gewinne. Dann kam jemand auf die Idee, die billigeren Arbeitskräfte in Osteuropa zu beschäftigen. Standortwechsel des Logistigzentrums nach Simmering. Da stand der junge Mann vor der Wahl: Jobverlust oder 500€ weniger pro Monat und eine andere Abteilung im Geschäft mit dem Tod. Statt Särge zu fertigen, trägt er sie jetzt, die Toten. Das wünscht man sich ja, wenn man mit dem Tischlerhandwerk beginnt. Er wählte den fixen Job zu den neuen Bedingungen, da er irgendwann eine Familie gründen will und sich irgendwie damit abgefunden hat, dass die Schwachen zuerst getreten werden.

„Ich war in Parndorf.“

„Parndorf?“

„Parndorf. Von sieben Uhr früh bis drei Uhr morgens.“

„Du hast...“

„Ja, die schwammen in dieser Flüssigkeit...“

Ich schau in seine Augen, die so jung sind und die gesehen haben, was mein Vorstellungsvermögen übersteigt.

„Kannst du noch schlafen?“

„Ja. Da darfst du nicht anfangen zu denken, sonst kannst du den Job nicht machen.“

„Sie haben dich einfach gerufen und dann...hast du einen Mundschutz getragen?“

„Natürlich. Übergeben hab ich mich trotzdem.“

Er setzt sich wieder an den Heurigentisch. Zwei Tische links von seinen Arbeitskollegen sitzen ein paar von den Grünen und unterhalten sich. Ihre Kinder radeln herum, manche tanzen mit ihren Eltern. Ich sollte aufstehen und die, die links sitzen, bitten, denen die rechts sitzen zuzuhören. Weil sie diejenigen waren, die unsere syrischen Toten in die Sensengasse getragen haben, am Tag, an dem der syrische Krieg Mitteleuropa erreicht hatte und unsere Sprachlosigkeit das Einatmen vor der großen Solidaritätsbewegung war, die Strache jetzt instrumentalisiert.

 

Mein Bruder kommt. Wir trinken Bier und reden über Röszke. Am Anfang waren sie zu dritt, zu fünft, dann zu zehnt gewesen, hoffnungslos überfordert. Die vierzig JournalistInnen mit den großen Autos schickten die wichtigen Bilder um die Welt, aber die Helfenden brauchten jede Hand. Er war in der Nähe der Journalistin gewesen: „Ich bin so froh, dass ich das erst im Nachhinein mitbekommen hab. Ich weiß nicht, ob ich mich unter Kontrolle gehabt hätte, wenn sie neben mir das Kind...“ Von meiner Schwester weiß ich, das er nach ein paar Tagen an der serbisch-ungarischen Grenze zusammengeklappt ist. Er, der mit dem Rad in der Sommerhitze mal eben nach Kroatien fährt um dort durch die Stürme zu segeln.

 

Wir reden über „Kein schöner Land“. Über 8.000 Klicks aus 71 Ländern in 6 Tagen:„Ich muss das Video vom Netz nehmen.“ sag ich und hoffe immer noch, dass ich das nicht tun muss: „Die UNHCR, deren Videomaterial ich verwenden durfte, droht mir mit Klage, weil ich österreichische Spendenkonten einblenden ließ. Das ist dann schon Kommerzialisierung, das wusste ich nicht.“ Das Hickhack unter den Hilfsorganisationen finde ich ähnlich widerlich wie das Hickhack der Jugend aus den unterpriviligierten Schichten untereinander: Strachewähler versus Muslime.

 

Die kroatische Freundin meines Bruders kommt zu uns an den Tisch während seine DJ-Freunde auflegen. Sie erzählt von dem Gasthaus an der Grenze zwischen Slovenien und Kroatien: „Der Haupteingang liegt in Slovenien, der Küchenausgang in Kroatien. Ein Reporter filmte die Flüchtlinge, die durch das Gasthaus nach Kroatien gelangten und stellte die skurrile Story ins Netz. Kurze Zeit nachher war alles voller Helikopter und jetzt sitzt die Grenzschutzpolizei im Gasthaus.“

 

Ich stehe auf und geh tanzen. Wundere mich, dass mein Körper unversehrt mit der Musik verschmilzt. Als ob es die 71 Toten nie gegeben hätte, als ob mir die UNHCR nicht im Nacken sitzen würde, als ob mein Bruder sich an der Grenze nicht verausgabt hätte.

Dann lerne ich eine Lehrerin kenne, die Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Sie erzählt mir von den Traumata der Musliminnen, die ihre Wohnungen erst verlassen durften um Deutsch zu lernen, als sie Geld dafür bekamen, das sie natürlich ablieferten: „Es ist nicht immer leicht, die Männer am Betreten des Kursraumes zu hindern. Denn Ehemann Ali sorgt sich um seine Frau, wenn Ehemann Mohammed in der Nähe ist, der wiederum seine Angetraute vor Ali schützt.“ Die Lehrerin weiß, dass sie in ihrem ausgewiesenen Frauenkurs oft die erste Kontaktperson ist, zu der die eingesperrten und oft misshandelten Frauen Zugang haben. Mittlerweile riecht sie die Betroffenen gegen den Wind und weiß, dass viele in Wien unsichtbar in einer Parallelwelt hausen. Und sie weiß auch, wie gefährlich es sein kann, Stellung zu beziehen. Sie hatte der jungen, intelligenten Muslima von den Frauenhäusern erzählt und beobachtete dann mit Sorge die Entwicklung der Schülerin in den Wochen der Fluchtvorbereitung. Hatte Angst, der Mann könnte ihre Veränderungen auch bemerken und dem Ganzen ein gewaltiges Ende setzen. Die Flucht mit den Kindern gelang. Getötet wurde die Schwägerin, die eine Mitwissende gewesen war. Der vereinsamte Ehemann bedrohte auch die Lehrerin, die ihre eigenen Kinder lange Zeit nicht mehr aus den Augen ließ. Wir reden noch lange über die Zunahme der Brutalität der Häuslichen Gewalt seit Ausbruch der sogenannten Wirtschaftskrise, die eine Systemkrise ist und darüber, dass das in der Öffentlichkeit kein Thema ist.

Die Tatsache, dass jetzt viele Kriegsflüchtlinge mit posttraumatischen Belastungsstörungen bei uns um Hilfe flehen, besprechen wir beim nächsten Bier. Werden wir fähig sein, die Wunden zu heilen, wenn sie Dächer über ihren Köpfen haben, die nicht von der wachsenden Rechten angezündet werden?

 

Mein pensionierter Vater, der uns wunderschöne Bilder aus Palmyra mitgebracht hatte, ein paar Wochen, bevor es losging, hat in der Jobvermittlung syrischer Flüchtlinge eine neue Lebensaufgabe gefunden. Er bringt sie auch mit nach Hause. Auch die bärtigen jungen Männer, vor denen die WienerInnen auf der Straße verstummen, wenn sie nach dem Weg fragen. Wer gibt einem dschihadistischen Schläfer schon gerne Auskunft über die Wiener Linien? Was die WienerInnen nicht kennen, ist der Humor der Fremden und ihr Staunen darüber, dass sie bei uns als Terroristen betrachtet werden, besonders wenn sie eine Tasche oder einen Rucksack tragen.

 

Ich geh wieder tanzen, ziehe alle Gedanke aus und merke, wie müde ich bin. Zu Hause leg ich mich ins Bett. Der Schutzwall, den ich errichtet hatte, um die 71 Toten nicht an mich heran zu lassen, beginnt zu bröckeln. Ich denke an den Tischler, der das Grauen entwirrt und transportiert hatte. Mir wird übel. An Schlaf ist nicht zu denken und es sind nur noch wenige Wochen bis zu den Wienwahlen.

 

 

 

Trendsetter Varoufakis

Juli 2015

 

 

Der überraschende Rücktritt des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis löste eine beispiellose Trendwende aus: PolitikerInnen, die in den letzten Monaten nicht müde wurden, die Parteispitze von Syriza öffentlich mit Worten wie Lügner, Gauner und Irre zu beschimpfen, gingen in sich und traten in Würde zurück. Allen voran Martin Schulz, der sich bei seinem gestrigen Interview persönlich bei Alexis Tsipras mit folgenden Worten entschuldigte: „Im Eifer des Gefechts kommen einem schon mal unüberlegt Worte über die Lippen, die einer sachlichen Debatte schaden.“

 

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde im letzten Moment von ihrem französischen Amtskollegen vom Rücktritt abgehalten. Beim heutigen Gespräch, bei dem es insbesondere um die Evaluierung der neuen Situation in Europa gehen wird, rechnen sich die SozialistInnen große Chancen aus, dass Frau Merkel sich von ihrem bisherigen Kurs distanzieren wird, der nicht unbeteiligt am griechischen Drama ist. Vertraute der Kanzlerin berichteten, dass sie sich heimlich das Buch ihrer Jugend „Das Kapital“ von Karl Marx als Reiselektüre einsteckte.

Doch dabei beließ es Hollande nicht. Im Gegenteil: das große Oxi der verzweifelten GriechInnen veranlasste ihn, sich ebenfalls auf seine politischen Wurzeln zu besinnen. So nahm er kurzentschlossen Kontakt zu seinen Verbündeten in Europa auf, insbesondere mit dem Syriza-Versteher Werner Faymann, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Wie Werner Faymann im Mittagsjournal versicherte, werde er die Steuerreform noch einmal aufrollen, da er erkannt habe, dass es nicht gerecht sei, Frauen und Geringverdienende, insbesondere Pensionistinnen und Alleinerziehende bei der Reform zu übersehen. Des Weiteren äußerte er, aufgeschobene Ziele wie die Finanztransaktionssteuer und die weltweite Reichensteuer neu zu verhandeln. Da sich heute alle SozialistInnen in einem spontanen Bündnis nicht nur zur Solidarität mit den GriechInnen sonder auch gegen den in den letzten Jahren gefahrenen Kurs der Neoliberalen zu bekennen, ist auch der europaweite Austritt aus dem Fiskalpakt erstmals an den Verhandlungstischen angekommen.

 

Aber auch in der Medienlandschaft setzte eine nie dagewesene Welle der Vernunft und der Rückkehr zur respektvollen Berichterstattung ein: zahlreiche JournalistInnen, ReporterInnen und MeinungsbildnerInnen der großen Boulevardpresse distanzierten sich vom Griechenlandbashing und traten im Laufe des Vormittags zurück. Wolfgang Fellner, der die griechische Regierungsspitze kurz zuvor noch als Polit-Hasardeure und Polit-Desperados bezeichnet hatte, schrieb: „Wenn sogar ein Finanzminister vom Format eines Varoufakis zurücktritt, weil er in einem unüberlegten Moment seine politischen Gegner als Terroristen beschimpfte, ist mein Rücktritt das Geringste was ich tun kann, um die gegenwärtige schwierige Situation zu deeskalieren, was die Vorraussetzung für lösungsorientierte Neuverhandlungen sein wird.“

 

„Die Grundvorraussetzung für einen europäischen Neubeginn wird allerdings das Verkünden der Kostenwahrheit sein.“ meinte Faymann auf seiner Facebookseite: „Nicht das griechische Volk schuldet uns Milliarden, sondern deutsche und französische Banken, die mit unseren Steuergeldern gerettet wurden. Die betroffenen Banken hatten sich nach dieser mutigen Offenlegung bereit erklärt, diese in absehbarer Zeit den Gläubigern, also den europäischen SteuerzahlerInnen zurückzuzahlen.

Der Standard berichtete außerdem online, dass der vom griechischen Oxi beeindruckte Bill Gates seine griechischen Freunde kontaktiert habe, um sie an die Rückzahlung ihrer Steuern zu erinnern. Diese seien zwar nicht begeistert von der Idee, zumal ihr Geld längst nicht mehr in Griechenland lagere, versprachen aber, etwas zum Aufbau ihrer ehemaligen Heimat beizutragen.

 

Yanis Faroufakis, der die europäische Trendwende ausgelöst hatte, twitterte heute Mittag, dass er zunächst mit seiner Ehefrau Danae Stratou, George und Amal Clooney auf Motorrädern die griechische Insel Kreta überqueren wolle, während er an seinem neuen Buch arbeite, das von den international führenden Wirtschaftsuniversitäten schon mit Spannung erwartet wird.

Übrigens auch ein Trend, den er auslöste. Die angehenden PolitikerInnen und JournalistInnen, vorwiegend junge Menschen, die naturgemäß nicht am eigenen Machterhalt interessiert sein können sondern an der Zukunft Europas, zeigten sich bereits heute in unkonventioneller Kleidung. Viele kamen mit dem Motorrad zu ihren Presseterminen, manche mit dem Fahrrad und einige mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Denn der Klimaschutz, da waren sich alle Fraktionen einig, sei neben der Sozialpolitik der wichtigste Punkt auf der Agenda.

 

 

 

Abschied von Ottakring

März 2015

 


Am Nachmittag sind die Ottakringer Straßenbahnen gestopft voll. Es riecht nach harter Arbeit und überfüllten Wohnungen, es herrscht babylonisches Sprachgewirr und ja, ich genieße es und bin ein wenig traurig, denn heute zieh ich, wegen positiver familiärer Veränderungen, fort.

Als ich hier her übersiedelte, fand ich es ein wenig schade, dass mein Straßenzug türkisch und nicht serbisch war, denn da wäre die Kommunikation ein Leichtes gewesen. Für meine nicht vorhandenen Türkischkenntnisse entschädigte mich mein russischer EinEuroRamschladen-Verkäufer und ich beschloss, mich wieder einmal auf eine neue Kultur einzulassen.

Das Haus, von dem ich mich heute verabschiede, ist eines der Schönsten, die ich je bewohnte: leuchtend gelb, die Fenster sattorange umrahmt. Im Hausinneren sind die steinernen Zierköpfe unter der Decke ebenfalls orange gefärbt und haben strahlend blaue Augen. Der Treppenaufgang ist in vielen Blautönen gekachelt und erinnert an ein türkisches Bad. Diese verspielte Freundlichkeit hat nichts mit dem mondänen Schick der Innenbezirke zu tun, aber das hat mich auch nie interessiert.

 

Dass ich plötzlich in Wiens erster Fahrradstraße wohnte, die durch das Parkpickel noch menschenfreundlicher wurde, mit freiem Blick auf die blühende Kastanienallee, fast bis zum Wilhelminenberg, war genauso kostbar wie der Balkon und die riesige Terrasse, die in die grünen Hinterhöfe führte, zu denen alle Nationalitäten ihre Fenster öffneten.

Am ersten Sonntag staunten meine Kinder über das stundenlange Trommeln und die lauten Gesänge der afrikanischen Community, die in einem Keller ihren Altar aufgestellt hatte. Sie fragten mich entgeistert, ob das jetzt jeden Sonntag so sein wird. Ich biss in mein Terrassenfrühstückssemmerl und bejahte vergnügt.

Einmal im Jahr sahen wir die Gläubigen dann auf der Straße, in weißen Gewändern und festlichem Schmuck.

 

Kurz nachdem wir eingezogen waren, mietete ein polnisches Paar ein geräumiges Gassenlokal, richtete es liebevoll ein und wollte, überzeugt, dass jeder Mensch auch ein Künstler ist, diesen Teil Ottakrings zum neuen Yppenplatz machen. Tanz-Musik-Malerunterricht, Kino und Diskussionsrunden, alles war geplant. Doch niemand kam. Fast niemand. Bei dem Konzert, das ich zum musikalischen Auftakt gab, erschien, außer den Gastgebern, der polnischen Schwiegermutter und meinen Kindern nur ein Gast. Meine Töchter verabschiedeten sich nach den ersten zwei Liedern, da sie alle auswendig konnten. Der Rest des Publikums ließ es sich nicht nehmen, nach jedem Lied über dessen Inhalt zu diskutieren, was ich bisher nur von meinen Gigs am Prenzlauer Berg kannte. Mein Sohn, der meine Schwachstellen kennt, lieferte die schärfsten Gegenargumente zu meinen Hooklines. Ich sang also nur die Hälfte und überlegte mir, ob es moralisch vertretbar wäre, meinem Sohn bei der nächsten Gelegenheit Redeverbot zu erteilen.

Jedes Mal, wenn ich das polnische Paar auf der Straße traf, erzählten sie mir von neuen Strategien, Menschen ins Kulturzentrum zu locken: Standardtanzkurse, Massageraum und polnische Küche. Die polnische Küche…kenne und schätze ich. Aber. Plötzlich standen Tische und Stühle auf dem Gehsteig. Speisekarten und Blumenschmuck. Meine Kinder und ich waren die ersten Gäste und bestellten Saft und Kuchen. Die Säfte, kunstvoll drapiert, schmeckten so gut wie sie aussahen. Beim Kuchen erschraken wir ein wenig. Ich mahnte meine Kinder lächelnd, aufzuessen und nahm all meine Tapferkeit zusammen, um mit gutem Beispiel voran zu gehen. Die Tische und Stühle waren bald wieder weg. Das Kulturzentrum leider auch. Der zweite Yppenplatz wird hier noch ein wenig auf sich warten lassen. Es leben noch zu wenig StudentInnen hier, die, sobald sie Kinder bekommen, die neue Mittelklasse bilden werden und deshalb immer die Vorhut von Mieterhöhungen sind.

 

Die Dönerbuden. Im nahen Umkreis des Hauses, das ich heute verlasse, sperrten in den letzten Jahren ein Geschäft nach dem anderen zu. Der nächste Supermarkt? Nicht mehr in der Nähe, weil da jetzt das Parkhaus der Ottakringer Brauerei ist, sondern eine Straßenbahnstation weit entfernt. Besonders traurig fand ich den Konkurs der kleinen Buchhandlung, die, so gut sortiert, von Generation zu Generation weitergegeben worden war. Meine heranwachsenden Töchter beweinten die Schließungen der Tally Weijl-Filiale und des Einrichtungsparadieses Sewa. Also entdeckten sie die Lugner-City und die Mariahilferstrasse für sich. Die ersten Schritte in die weite Welt. Mit Thalia, Kino, Starbucks und Friseur, nachdem der unsere auch einem Imbiss gewichen war.

Mein Sohn freute sich. Weil in jedes aufgelassene Geschäft eine Dönerbude zog. Er kannte sie alle und ihre kulinarischen Eigenheiten. Da mit dem Angebot die Preise fielen, beschloss er, nie mehr aus Ottakring fort zu ziehen. Der Preisvergleich gab ihm auch recht. Wer bitte kauft auch Kebabs um € 3,60, wenn es auf der Thaliastraße welche um € 1,90 zu holen gibt? Mein Sohn stimmte dem Umzug dann doch zu. Die Dönerbudenbesitzer hatten eine Kebabpreiskonferenz einberufen und beschlossen, das Preisdumping zeitgleich zu beenden.

 

Ich lebte in vier Ländern und hatte es mit unzähligen Hausbesitzern zu tun. Der Hausbesitzer des leuchtend gelben Hauses war mit Abstand der beeindruckendste. Er lebt mit seiner Familie im selbstgebauten Haus unter meiner riesigen Terrasse, kam zu jeder Tages-und Nachtzeit wenn etwas nicht funktionierte oder die Küchenkasteln von der Wand brachen und gab mir nie das Gefühl, mich zu kontrollieren.

Türken gelten in wachsenden Kreisen ja als arbeitsscheu, assozial und mittelalterlich. Was für ein Schwachsinn. Das Leben ist komplexer.

Er und seine erwachsenen Kinder, die hier aufwuchsen, sprechen ausgezeichnet Deutsch. Seine Frau und seine Mutter kein Wort. Er ist äußerst geschäftstüchtig und liberal, was ihm viel Neid und Zorn in der Community einbrachte und dem Haus eine lückenlose Kameraüberwachung. Seine drei Kinder sind blind. Der Sohn, ein sehr feiner, gebildeter Mann, serviert im Dunkeln. Eine Tochter verzichtet auf das Kopftuch und den Gedanken an die Ehe, dafür studiert sie Jus und möchte die Welt verändern. Es macht unglaublichen Spaß, mit ihr über Strache zu lästern. Die andere Tochter verhüllt auf der Straße ihr langes Haar und hat drei kleine Kinder. Ihr Mann schlägt sie. Weiblich, türkisch, behindert, Mutter, kein Job aber auch keine Invalidenpension, Opfer von Häuslicher Gewalt: die absolute Arschkarte.

Wir redeten viel miteinander. Über Kindererziehung und Gesundheitsfragen, Rechtliches und Ausländerfeindlichkeit. Einmal, im Sommer, als ich sie über die Straße geleitete, sie wie immer bei mir eingehackt, strich erstaunt über meine nackte Haut.

„Warum bist du so angezogen?“

„Weil mir heiß ist.“

„Das ist ungesund.“

„Ich trag Sonnencreme.“

„Die ist auch ungesund.“

„Sagt wer?“

Auf meine Frage, warum sie auf der Straße immer ein Kopftuch und lange Ärmel trägt, obwohl es so heiß ist, meinte sie:

„Das hab ich meinem Mann bei der Hochzeit versprochen.“

Heftig wurden unsere Diskussionen immer, wenn es um die Gewalt ging, die er ihr antat.

Ich werde nie vergessen, wie ich sie einmal zur Frauenberatung im ersten Bezirk führte. Das U-Bahnfahren war ein Abenteuer für sie, auch der Pferdegeruch am Stephansplatz. Sie an meinem Arm, mit dem Blindenstock wild gestikulierend, ich lauthals argumentierend, dass Gewalt an Frauen nicht normal und gottgewollt sondern eine entsetzliche Menschenrechtsverletzung ist und in Österreich verboten.

Da saß sie dann, plötzlich ganz klein, in der Beratung und hörte, dass Frauenhäuser keine Gefängnisse sind, in denen sich die Frauen regelmäßig mit Alkohol zuschütten und weinen, weil ihnen ihre Kinder weggenommen wurden.

Ihre ständige Angst, dass ihr die Kinder weggenommen werden. Weil sie blind ist, weil sie Türkin ist.

Sie ließ sich nicht scheiden und ich hörte auf, ihren Mann zu grüßen.

Kurze Zeit später sah ich sie, wie sie, ohne nach links oder rechts zu schauen, kerzengerade über die Kreuzung ging. Ich rief ihr nach, lief zu ihr und führte sie rasch zum Gehsteig:

„Spinnst du? So kannst du sterben!“

„Ja, und das will ich auch.“

Sie bekam keinen Job obwohl sie sich bemühte, perfekt Deutsch spricht und eine gute Ausbildung vorweisen kann, hatte Probleme mit der Schule und dem Kindergarten. Ich begleitete sie zu den Ämtern. Meine bloße Anwesenheit führte zu einem freundlichen Ton und raschen Lösungen. Sie fütterte meine Katzen, wenn ich auf Urlaub war, den sie nie hatte und goss meine Pflanzen, bis ihr Mann es ihr verbot.

Ich kapitulierte nur, als sie mich bat, ihren Kindern regelmäßig bei den Hausaufgaben zu helfen. Außer ihrem Vater, der keine Zeit hatte, weil er acht Menschen ernährte, sprachen die Menschen in ihrer Familie, die sehen konnten, kein Deutsch und konnten die, die Deutsch sprachen, nicht sehen. Auch blöd.

Aber als berufstätige Alleinerziehende war ich keine Alternative. Ich überlegte, wen im Haus sie noch fragen konnte. Die Eltern über mir, er ein ruhiger Afrikaner, sie eine quirlige Österreicherin, hatten sich gerade getrennt und kümmerten sich abwechselnd um ihr gemeinsames Kind. Die Studenten-WG fiel auch weg, da sie nur zu Hause zu sein schien, wenn sie in lauen Sommernächten auf der Dachterrasse jammte. Der Nachbar, der täglich stundenlang im Gastgarten der türkischen Pizzeria gegenüber saß, fiel wegen seiner roten Nase weg. Die ungezählten Familien im Keller, die auf dicht ausgelegten Matratzen schliefen, waren, nach zunehmender Polizeipräsenz im Haus, weggezogen.Ich weiß nicht, wohin sie gingen, ob sie einen legalen Aufenthaltsstatus hatten und woher sie kamen. Sie hatten sich kaum auf der Straße gezeigt und begegneten mir scheu. Die Möbel, Kleidungsstücke und Spielsachen, die ich nicht mehr brauchte, hatte ich vor ihre Türe auf die Straße gelegt. Sie waren immer sofort verschwunden.

Blieb also nur noch das Pensionistenpaar. Zwei gebürtige Ottakringer und xenophobe Kotzbrocken erster Güte. Sie hatten meine Kinder in meiner Abwesenheit so lange schikaniert, bis ich mit Anzeige drohte. Es dauerte lange, bis sich meine Kinder nicht mehr vor ihrer schlechten Laune fürchteten. Hilfreich war dann aber, dass sie ihr Klo am Gang hatten und sich oft in Unterwäsche zeigten: da zerkugelten sich meine Kleinen vor Lachen. Sie kicherten auch oft über den jungen Mann, dessen Fenster von der Terrasse aus zu sehen war. Wenn er seine Pflanzen goss, erschien er immer in pastellfarbenen Negligees. Da waren dann sexuelle Frühaufklärung und Appelle an die Toleranz angesagt, lange vor Conchita Wurst.

Nein, aus der Hausaufgabenbetreuung im Haus wurde nichts. Und trotzdem tat sich was: kürzlich sah ich meine türkische Nachbarin aufrechter als sonst über die Straße gehen. Ihre frisch geschnittenen und getönten Haare wippten frech in der frischen Luft. Sie hat, kurz nachdem ihre kleine Tochter zum ersten Mal vor dem Hauseingang ein Kopftuch trug, sich und ihr Kind davon befreit.

 

Am Eck zur Thaliastrasse öffnete kürzlich ein türkisches Cafe mit himmlischen Torten, Coffee To Go um €1,50, Kinderstühlen, elegantem WC, Milch am Sonntag, Raucherbereich, großen Fenstern zur Strasse, südlichen Öffnungszeiten und dezentem türkischen Pop. Es ist immer voll. Da sitzen sie dann, die modernen Türkinnen, mit und ohne Kopftuch neben ihren Männern und gelegentlichen ÖsterreicherInnen, die es sich auf den violetten Blumenpolstersesseln bequem machen. Und ich werde jetzt austrinken, zahlen, duftende Fladenbrote und den Untermietsvertrag in der Tasche um in meine neue Wohnung zu fahren. Ich freu mich auf den ersten Frühling am Donaukanal. Panta rhei.